Krieg und Krisen
... sich den allgemeinen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Reformbewegungen, die vor
allem vom Königreich Preußen ausgehen, anzuschließen.
Entsprechend sucht das Königreich Hannover zunächst eine neutrale Stellung, als die
unterschiedlichen Interessen von Preußen und dem Kaiserreich Österreich im Deutschen
Bund auf eine gewaltsame Lösung zutreiben. Im Mai 1866 fordert Preußen das Königreich
Hannover auf, in den sich anbahnenden bewaffneten Auseinandersetzungen mit Österreich
unbewaffnet und neutral zu bleiben und bietet dagegen die Souveränität sowie den Erhalt
des Staatsgebietes. Das Kaiserreich Österreich macht seinerseits dem Königreich Hannover
verlockende Versprechungen auf Schutz und militärische Hilfe gegen das Königreich
Preußen.
Georg V. von Hannover lehnt das preußische Angebot ab. In Verkennung der Realitäten und
seiner militärischen Kräfte sieht er in der Aufforderung Preußens eine nicht hinnehmbare
Einmischung in seine Rechte als Souverän und befiehlt die Mobilmachung seiner Truppen
zum Kampf an der Seite Österreichs. Am 15.Juni 1866 hält daraufhin König Georg V. von
Hannover die Kriegserklärung seines Cousins König Wilhelm I. von Preußen in der Hand.
Am 16.Juni 1866 begibt sich Georg V. von Hannover zu seinen Truppen, die sich bei Göttingen
sammeln. Aber schon am 17.Juni besetzen preußische Truppen von Minden kommend seine
Hauptstadt Hannover, am 19.Juni Kassel. Die Hannoversche Armee weicht in Richtung
Böhmen aus, trifft bei Langensalza auf ein Kontingent preußischer Truppen, das sie in einer
Schlacht besiegt. Aber überlegene nachrückende preußische Truppen umstellen die
hannoverschen Einheiten, die aus Mangel an Nachschub am 29.Juni 1866 endgültig
kapitulieren müssen. Das Königreich Hannover hat den Krieg gegen Preußen schon
verloren.
Den entscheidenden Sieg über die österreichischen Truppen erringt Preußen bei Königgrätz
am 3.Juli 1866. Schon am 26.Juli wird mit einem Friedensvertrag der Krieg mit Kaiserreich
Österreich beendet, aus dem das Königreich Preußen als uneingeschränkter Sieger
hervorgeht. Der Deutsche Bund wird von Preußen aufgelöst und der Norddeutsche Bund
gegründet, aus dem das Kaiserreich Österreich ausgeschlossen bleibt.
Preußen annektiert im Oktober 1866 das Königreich Hannover und wandelt es in eine
preußische Provinz um. König Georg V. hat sich ins Exil zu begeben, die hannoversche
Armee wird aufgelöst, ihre Soldaten werden später in die preußische Armee übernommen.
Alle Versuche des Königs und auch zahlreicher Delegationen, mit Eingaben an den
preußischen König Wilhelm I. und seinen Ministerpräsidenten Bismarck die Annexion zu
verhindern, scheitern. Nach einem Übergangsjahr wird am 1.Oktober 1867 die preußische
Verfassung im ehemaligen Königreich Hannover, nun preußische Provinz Hannover,
eingeführt.
Welfische Anhänglichkeit
Formal sind die Hannoveraner nun Preußen. Aber die Freude bei der Bevölkerung ist geteilt.
Während die nationalliberalen Kräfte die Vorteile des fortschrittlichen preußischen
Staatswesens im Interesse der Hannoveraner nutzen wollen, ist es das Ziel der Deutsch-
Hannoverschen Partei, der ‚Welfen‘, das angestammte Königshaus der Welfen wieder zu
errichten und die Eigenstaatlichkeit Hannovers wieder herzustellen. Da keine dieser beiden
politischen Richtungen eindeutig dominiert, wird sich das Ringen um die Eingliederung des
ehemaligen Königreiches Hannover in das Königreich Preußen über Jahrzehnte fortsetzen.
Verwaltungsreformen
Erleben die Menschen in den Heidedörfern unserer Gegend die politischen
Auseinandersetzungen und den Wahlkampf meistens wohl nur aus der „Böhme-Zeitung“
(sie wurde 1864 gegründet), so betreffen sie andere Änderungen sehr unmittelbar. Schon
1852 war es durch den Zuwachs an Bevölkerung und hoheitlichen Aufgaben notwendig
geworden, im Königreich Hannover die Verwaltung neu zu ordnen. So werden auch die
bisherigen Amtsbezirke neu gegliedert, neue Ämter geschaffen. Die Menschen im Kirchspiel
Neuenkirchen verlieren hierdurch ihre seit Jahrhunderten angestammte und vertraute
unmittelbare Zugehörigkeit zum Amt Rotenburg: Die Amtsvogtei Neuenkirchen wird
geschlossen. Stattdessen errichtet die Obrigkeit ein neues Amt in dem von den Menschen im
Kirchspiel Neuenkirchen wenig geliebten, aufstrebenden Schneverdingen. Immerhin, trotz
dieser schmerzlichen Veränderung verbleibt man aber im Landdrostei-Bezirk Stade, im
Bereich des Herzogtums Verden, wie es schon seit Vorzeiten der Fall ist.
Aber schon 1859 wird eine erneute Reform der Verwaltung erforderlich, da die erst vor sieben
Jahren eingeführte nicht den gewünschten Erfolg brachte. Nun wird die Zahl der Ämter
wieder verringert: Die Obrigkeit vereinigt das gerade errichtete Amt Schneverdingen mit
dem Amt Soltau. Mit dieser Entscheidung tritt nicht nur eine erneute einschneidende
Umstellung für die Bevölkerung in den Kirchspielen Schneverdingen und Neuenkirchen ein,
sondern sie beendet auch eine Jahrhunderte alte Tradition. Die Dörfer dieser Kirchspiele
sind damit aus dem Bezirk der Landdrostei Stade, dem Herzogtum Verden, dem alten Bistum
Verden, dem Stift, dem sie seit 700 Jahren angehörten, ausgegliedert und dem Bezirk der
Landdrostei Lüneburg im Fürstentum Lüneburg zugeschlagen.
Natürlich gibt es Leute, die diese Entwicklung begrüßen und ihre Adresse nun mit dem
Zusatz „... im Lüneburgischen“ schmücken. Aber der Protest gegen den Bruch mit der
gewachsenen Tradition ist mehrheitlich und laut vernehmbar. Über Jahre werden
Argumente und Gründe gesammelt und der Obrigkeit in Hannover vorgetragen, warum es
nicht so bleiben kann, wie es nun ist, sondern dass die alten Zustände wieder hergestellt
werden müssen: Wenn schon nicht das bevorzugte Amt Rotenburg wieder zuständig werden
kann, dann zumindest das Amt Schneverdingen, aber zum Amt Soltau gehören und damit
nicht mehr zum Herzogtum Verden, das kann nicht sein, nein.
Und als es dann, fast sieben Jahre später, tatsächlich den Anschein gewinnt, dass eine
Rückverlegung der Zuständigkeit möglich werden könnte, da werden alle Hoffnungen durch
die Preußen im Krieg von 1866 zunichtegemacht. Nach der Annexion des Königreichs
Hannover und Bildung der preußischen Provinz Hannover belassen die neuen Herren im
Lande die Amtsordnung so, wie sie 1866 im Königreich Hannover besteht. Die Kirchspiele
Schneverdingen und Neuenkirchen verbleiben also „im Lüneburgischen“ und alles Beklagen
ist vergebens.
Ob man sich inzwischen an die Tatsache zu gewöhnen beginnt, dass König Wilhelm I. von
Preußen der neue Landesherr in Hannover ist oder sich damit zufriedengibt, dass, wenn
schon preußisch, man zumindest weiterhin in einem ungeteilten Hannover leben wird?
Jedenfalls beruhigen sich die Gemüter im Lande deutlich und es werden sogar Knaben, die
in den folgenden Jahren geboren werden, auf den Namen des neuen Landesherren getauft.
Bauern-„Befreiung“
Seit 1831 besteht für die Bauern im Königreich Hannover und dann später in der preußischen
Provinz Hannover die rechtliche Möglichkeit, die auf ihren Höfen lastenden
grundherrlichen Abgaben und Pflichten durch Zahlungen des Ablösungskapitals in Höhe
des 25-fachen der jährlichen Abgabenlast oder eine hypothekgesicherte 41½-jährige Rente
„abzulösen“ und so den früheren Grund- und Gutsherren abzufinden. Damit wird der Bauer
zum Eigentümer seines vorherigen Meiergutes und erhält entsprechende Rechte an dem
Hof- und Grundbesitz.
Die Bauern in Hannover nehmen die Möglichkeit der „Befreiung“ von der Grundherrschaft
nur zögerlich wahr. Viele sind der Meinung, dass ihnen der Staat trotz der „Ablösung“ neue
Steuern und Abgaben auferlegen wird und warten lieber ab. Erst nach dem Abschluss des
Verfahrens der Gemeinheitsteilung und Verkoppelung Mitte des 19.Jahrhunderts nimmt die
Zahl der Ablösungen zu und wird mit der Zeit üblich. Erst mit Beginn der preußischen
Herrschaft in den 1870er/1880er Jahren sind dann die meisten Bauern in der Provinz
„gutsherrenfrei“ und damit ihr eigener Herr, wirtschaften nun aber auch
selbstverantwortlich auf ihren Höfen.