1870-1900
Krieg und Wandel
Krieg und Kaiserreich
... Belagerung von Paris im Frühjahr 1871 zum Friedensschluss bereit. Im Friedensvertrag
tritt Frankreich den Großteil des Elsass und einen Teil von Lothringen an Preußen ab, das
sich mit den drei süddeutschen Staaten und den Staaten des Norddeutschen Bundes zum
Deutschen Reich zusammenschließt. Preußens König Wilhelm I. wird in Versailles bei Paris
zum ersten deutschen Kaiser gekrönt.
Wandel überall
Nach dem Sieg über Frankreich fließen enorme Reparationszahlungen nach Preußen und
ins Deutsche Reich. Sie sorgen für einen bisher nie da gewesenen Wirtschaftsaufschwung,
die ‚Gründerzeit‘. Die Erwartung weiter steigender Aktiengewinne und auch zukünftig
günstiger Kredite beflügelt das Spekulationsfieber. Immer mehr privates Kapital fließt in
die rapide wachsende Wirtschaft. Die starke Nachfrage nach Aktien an den Börsen hat deren
Überbewertung zur Folge, was schon 1873 zu einer Börsenpanik führt, dem ‚Gründerkrach‘.
Die Reparationszahlungen laufen aus, auf Kredit aufgebaute Unternehmen gehen in
Konkurs, Deutschland schlingert in eine mehrjährige Depression.
In diesen Jahrzehnten verliert die Landwirtschaft allmählich ihre wirtschaftliche
Vorrangstellung an die wachsende Industrie in Deutschland. Viele Arbeitskräfte vom Lande
finden neue, besser bezahlte Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten in industriellen Betrieben
und wandern ab. Aber auch die landwirtschaftliche Produktivität steigert sich enorm in
dieser Zeit und verdoppelt sich nahezu zwischen den 1870er Jahren und der Jahrhundert-
wende. Neue Düngemittel, wie z.B. das Chilesalpeter, verbesserte Saatzucht, Boden-
bearbeitung und Stallfütterungsmethoden sind die Triebfedern für diesen Erfolg. Die ersten
Maschinen erleichtern die ländliche Arbeit und ermöglichen weit höhere Arbeitsleistungen
bei geringerem Einsatz von Menschen, z.B. beim Dreschen mit der Dreschmaschine, beim
Antrieb von Häcksel- oder Schrotmaschinen.
Die Fortschritte in Medizin und Hygiene lassen die Säuglingssterblichkeit in Deutschland
stark absinken und tragen so zur Vermehrung der Bevölkerung bei. Andererseits haben
besonders auf dem Lande die Menschen, die kein eigenes Land besitzen, kaum Gelegenheit
eine eigene Existenz aufzubauen, die für den dauernden Unterhalt einer Familie ausreicht.
Durch die Gemeinheitsteilung steht kein „freies“ Land mehr zur Verfügung und die vom
Anerben einer Hofstelle an die nachgeborenen Söhne gezahlten Abfindungen reichen für
den Ankauf von Land nicht aus. So entwickelt sich besonders für die landlose Schicht auf
dem Lande, den Häuslingen und Tagelöhnern, eine wirtschaftliche und soziale Notlage, aus
der es ohne grundlegende Veränderung kein Entrinnen gibt: Kinderreichtum,
Arbeitslosigkeit, Armut sind der Alltag und die Zukunftsperspektive für die nachfolgenden
Generationen.
Einen Ausweg aus dieser beklemmenden Situation sehen viele Familien in der
Auswanderung, besonders nach Amerika. Hier bietet der Staat freies Land zu günstigen
Bedingungen, Freiheit für die Menschen, wirtschaftliche Unabhängigkeit. Die Gefahr, für
Jahre zum harten Militärdienst eingezogen zu werden, das ständige Drohen neuer Kriege,
bestehen in Amerika nicht. Der Preis, dafür die Heimat aufzugeben, die deutsche
Staatsbürgerschaft zu verlieren, erscheint im Abwägen vielen nicht mehr zu hoch.
Je mehr gute, ermutigende Nachrichten von Auswanderern früherer Jahre ihre
Familienmitglieder, Freunde daheim im Dorf erreichen, desto mehr schwindet die
Ungewissheit der fernen Welt, desto entschlossener wird hier nach diesem Ausweg, nach
dieser neuen Zukunft gegriffen. Allein in den zehn Jahren von 1880 bis 1890 verlassen etwa
1,5 Millionen Menschen das Deutsche Reich. Fast alle wandern nach Amerika aus, das in
dieser Zeit beginnt, die neuen Staaten Nebraska und Dakota, westlich des riesigen Stromes
Missouri zu besiedeln, die weiten, fruchtbaren Prärien.
Auch in vielen landbesitzenden Bauernfamilien wird eine ganze Generation der Kinder in
diesen Jahrzehnten aus der unsicheren Zukunft in Deutschland in die neue, vielver-
sprechende Welt der amerikanischen Siedlungsgebiete geschickt, wo sie von bereits
ansässigen Verwandten aufgenommen und in die Zukunft begleitet werden. Auf der
heimatlichen Hofstelle bleibt nur der Anerbe zurück, nun zukunftsfähiger, ohne die
Belastung der meist zahlreichen Geschwister.