Zeiten des Verfalls
Erster Weltkrieg
Die wenig geschickte deutsche Außenpolitik und die starke Aufrüstung, besonders der
Reichsflotte, führte zu einer Verständigung von Russland, England und Frankreich gegen
das Deutsche Kaiserreich, das sich dann am Vorabend des Ersten Weltkrieges von seinen
Feinden ‚eingekreist‘ sieht.
Nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers in Sarajevo im Juni 1914
versagen alle Bemühungen um eine Konfliktlösung, zu unversöhnlich ist das Machtstreben
der europäischen Großmächte. Die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn
verstricken sich mit den Mächten der ‚Entente‘ Frankreich, Großbritannien und Russland in
einen Krieg mit weltweiten Auswirkungen, mit ungeheuren Verlusten unter den Soldaten
und unbeschreiblichem Leid in der Zivilbevölkerung.
Als der Krieg nach vier Jahren im November 1918 mit der militärischen Niederlage der
Mittelmächte endet, sind weltweit rund neun Millionen Soldaten gefallen und sechs
Millionen Zivilisten getötet.
Dem Waffenstillstand vom November 1918 folgt im Frühjahr 1919 der Friedensvertrag
zwischen den Kriegsgegnern. Aber was für ein Frieden ist geschlossen worden! Seine
Bedingungen werden dem Deutschen Reich von den Siegermächten ohne Verhandlung
diktiert. Sie richten sich nicht allein gegen die militärische Macht des Deutschen Reiches. Sie
richten sich gegen das ganze deutsche Volk, das nach 4 ½ Kriegsjahren lange am Ende seiner
Kräfte ist.
In ihren Friedensbedingungen geben die Siegermächte zu erkennen, dass in ihrem
Verständnis in diesem Krieg nicht allein die Militärmacht Deutschland von ihnen gänzlich
besiegt worden ist, sondern das ganze deutsche Volk. Nicht aus dem Großmut von Siegern,
sondern nur aus der Sicht von Rächern lassen sich die Demütigungen verstehen, die das
deutsche Volk in den nächsten Jahren niederdrücken und für den kräftigen Keim einer
weiteren Katastrophe den fruchtbaren Boden bereiten.
Im Deutschen Reich verstärken Hunger und Entbehrungen die Enttäuschung über die
militärische Niederlage. Der Kaiser hat abgedankt, die Monarchie ist abgeschafft und von
den Siegermächten durch eine Staatsform ersetzt, die dem deutschen Volk nicht nur
ungewohnt, sondern gänzlich fremd ist.
Mit der Macht der Sieger sind gewachsene Gebietsteile des Deutschen Reiches zugunsten
anderer Staaten nun abgetrennt, deutsche Bevölkerungsgruppen durch neue Grenzen
voneinander getrennt, zu Minderheiten in einem anderen Volk gemacht.
Entschädigungsforderungen sind gegen die Deutschen erhoben, die wegen ihrer
unvorstellbaren Höhe die Bevölkerung über Jahrzehnte für die Siegermächte arbeiten lassen
werden. Gleichzeitig werden die Produktionsmittel in Deutschland demontiert und in die
Länder der Sieger gebracht. Fabrikanlagen, Maschinen, Automobile, Lastkraftwagen
verlassen Deutschland auf zahllose Eisenbahnwaggons verladen, die mit ihren Lokomotiven
nicht zurückkehren. Dann werden auch die Schienen abgebaut.
Niemand weiß, wie es weitergehen, was werden wird. Die schnell wechselnden Regierungen
der „Weimarer Republik“ finden keine Wege aus der um sich greifenden Krise. Zu den
öffentlichen politischen Kämpfen kommt eine sich immer schneller entwickelnde
Entwertung des Geldes hinzu, dem bald als Zahlungsmittel nicht mehr vertraut wird. Not,
Hunger und Elend nehmen kein Ende.
Inflation und Weltwirtschaftskrise
In den Nachkriegsjahren bestimmt wirtschaftliche Not den Alltag der meisten Menschen in
Deutschland. Der andauernde Mangel an Grundnahrungsmitteln fördert Hamsterfahrten
und einen regen Schleichhandel, bei dem sämtliche Arten von Wertgegenständen gegen
Kartoffeln, Eier, Mehl und Zucker getauscht werden.
Die seit Kriegsbeginn 1914 kontinuierliche Geldentwertung und damit eine ständig sinkende
Kaufkraft wird durch die hohen Reparationsforderungen der Siegermächte weiter
beschleunigt. Wer sein Vermögen nicht rechtzeitig in Sachwerte oder Grund und Boden
sichern konnte, verliert seinen Besitz vollständig: Die galoppierende Inflation macht 1923
„über Nacht“ Millionen vormals kaufkräftiger Bürger mittellos, während auf der anderen
Seite Spekulanten und „Kriegsgewinnler“ ihren neuen Reichtum zur Schau stellen.
Den Krisen und politischen Aufständen in den ersten Jahren der „Weimarer Republik“ folgt
nach der Währungsreform im Jahre 1923 eine weitgehende Normalisierung der politischen
und wirtschaftlichen Lage. In Deutschland ist es bis 1929 eine Zeit innenpolitischer Ruhe mit
wirtschaftlichem Aufschwung und kultureller Blüte.
Diese „Goldenen Zwanziger“ enden mit der im Oktober 1929 beginnenden
Weltwirtschaftskrise, der „Schwarze Freitag“ an der New Yorker Börse. Erneut greift Armut
und Verzweiflung der Massen um sich. Massenarbeitslosigkeit, Verelendung, Resignation
und allgemeine Katastrophenstimmung bestimmen das Alltagsleben der breiten
Bevölkerungsmasse. Zwischen 1929 und 1933 steigt die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland
von 1,3 auf 6 Millionen Menschen.
In dieser Situation entfesseln die politischen Gegner der „Weimarer Republik“ von rechts
und links eine beispiellose Kampagne gegen den Staat und die Regierung, die keine Mittel
gegen die wirtschaftliche und politische Krise findet.
Die Unzufriedenheit der Massen entlädt sich erstmals in den Reichstagswahlen von 1930.
Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei NSDAP strebt offen den Sturz des
parlamentarischen Systems, der Republik, an und steigert ihr Ergebnis um achthundert
Prozent, sie zieht mit 18,3 Prozent als zweitstärkste Fraktion in den Reichstag ein.
Fortschreitender Wirtschaftsverfall und weiter steigende Arbeitslosenzahlen beschleunigen
den Zuwachs der Wähler der extremen, antidemokratischen Parteien. Mit der Ernennung
des Vorsitzenden der NSDAP, Adolf Hitler, zum Reichskanzler Ende Januar 1933 ist das Ende
der „Weimarer Republik“ besiegelt.
Das Dritte Reich
Zwei Monate später, Ende März 1933, gelingt es Reichskanzler Adolf Hitler, im Reichstag das
„Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“, das „Ermächtigungsgesetz“
durchzusetzen. Mit diesem Gesetz wird Hitlers Regierung ermächtigt, ohne Zustimmung
von Reichstag und Reichsrat sowie ohne Gegenzeichnung des Reichspräsidenten Gesetze zu
erlassen.
Die Diktatur ist errichtet und wieder soll Deutschland zur „Weltgeltung“ geführt werden. Bei
vielen Deutschen, sofern sie nicht aus politischen oder rassistischen Gründen verfolgt oder
ausgegrenzt werden, herrscht nach den Wirren der 1920er Jahre im „Dritten Reich“
Zuversicht und Aufbruchstimmung durch die positiv empfundenen Veränderungen. Das
propagierte Gleichheitsideal der „Volksgemeinschaft“ tritt überall in den Vordergrund und
wird zur Grundlage des Alltagslebens in Stadt und Land.
Der Arbeitsalltag der Landbevölkerung unterscheidet sich jedoch kaum von dem der
Elterngeneration. Das vom „Reichsnährstand - Blut und Boden“ vermittelte Bild der
Landwirtschaft im Deutschen Reich entspricht nicht der Realität und der täglichen
Arbeitsbelastung. Nur langsam hält die Mechanisierung Einzug, Hand- und Spanndienste
herrschen weiter vor. Jährliche „Erzeugungsschlachten“ sollen die Bauern zu
Höchstleistungen motivieren.
Politisch strebt Deutschland unter Hitler die Unabhängigkeit von Lebensmittelimporten an
und kann tatsächlich die Selbstversorgung in den 1930er Jahren von knapp 70% auf über 80%
steigern. Dennoch kommt es immer wieder zu Versorgungsengpässen und die Landflucht
nimmt aufgrund der sozialen Lage der Landbevölkerung dramatische Ausmaße an. Seit 1935
ist die deutsche Industrie von der NS-Regierung auf Kriegsvorbereitung ausgerichtet und
lockt mit gut bezahlten Arbeitsplätzen.
Im März 1935 wird entgegen den Bedingungen des Friedensvertrages von 1919 die
allgemeine Wehrpflicht im Deutschen Reich wieder eingeführt. Im März 1938 schließt sich
Österreich mit Unterstützung der einmarschierten Wehrmacht dem Deutschen Reich an. Im
September 1938 wird das tschechische Sudetenland mit seiner deutschen Minderheit vom
Deutschen Reich annektiert. Ein halbes Jahr später besetzt die deutsche Wehrmacht im März
1939 die gesamte Tschechoslowakei. Im selben Monat erzwingt das Deutsche Reich von
Litauen die Rückgabe des seit Ende des Ersten Weltkrieges vom Reich abgetrennten
Memellandes.
Zweiter Weltkrieg
Mit dem nächsten folgenschweren Befehl zur Machtentfaltung des Deutschen Reiches löst
der „Führer“ Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg aus: Anfang September 1939 überfällt die
deutsche Wehrmacht den östlichen Nachbarstaat Polen. Schon nach wenigen Wochen ist der
„Polen-Feldzug“ siegreich beendet. Die vor dem Ersten Weltkrieg deutschen Gebiete Polens
werden wieder zu deutschen Provinzen oder Gauen, die übrigen Gebiete im Osten und Süden
Polens werden als „Generalgouvernement“ zur Ansiedlung reichsdeutscher Bauern
vorgesehen.
Die Politik der NSDAP, die Regierung des „Führers“ zeigt sich dem deutschen Volk und der
Welt in ihrem außenpolitischen und militärischen Handeln von erstaunlichem Erfolg
begleitet. Nichts deutet darauf hin, dass sich daran etwas ändern könnte. Es scheint wirklich
das von Adolf Hitler angekündigte „1000-jährige Reich“ zu entstehen.
Am 10.Mai 1940 eröffnet die deutsche Wehrmacht den „Westfeldzug“ gegen Frankreich.
Sechs Wochen später wird er mit dem vereinbarten Waffenstillstand am 22.Juni 1940 für die
deutsche Wehrmacht siegreich beendet.
Im September 1941 befiehlt der „Führer“ Adolf Hitler der deutschen Wehrmacht, die
Sowjetunion anzugreifen und zu besiegen, das „Unternehmen Barbarossa“. Schon 130 Jahre
zuvor versuchte der französische Kaiser Napoléon I., das damalige Kaiserreich Russland
militärisch zu unterwerfen. Er scheiterte gänzlich und läutete mit diesem Vorhaben seinen
eigenen Untergang ein.
Auch die deutsche Wehrmacht scheitert im „Unternehmen Barbarossa“. Sie ist auf diese
ungeheurere Herausforderung nicht genügend vorbereitet. Die deutschen Truppen
erreichen kämpfend zwar innerhalb von drei Monaten in einem beispiellosen Vormarsch
über eintausendzweihundert Kilometer die Vororte von Moskau, der Hauptstadt der
Sowjetunion. Dann versinkt der Angriff in unergründlichem Schlamm des russischen
Herbstes und bald in tiefem Schnee mit Frost um minus 40 Grad Celsius.
Die deutsche Wehrmacht ist nicht auf einen Winterkrieg eingestellt. Ihr war das Erreichen
der Linie Archangelsk-Astrachan vor Eintritt der Schlammperiode und des Winters befohlen
worden.
So kämpfen die deutschen Soldaten im Dezember 1941 in ihren Sommeruniformen an der
eisigen Front. Ihre Versorgung bricht in den Bedingungen des russischen Winters
zusammen. Der unnachgiebige Befehl des „Führeres“ und Obersten Befehlshabers Adolf
Hitler aber verbietet unbarmherzig das Zurückweichen in lebensrettende Winterquartiere.
Am 8.Dezember 1941 erklären die Vereinigten Staaten von Amerika dem Kaiserreichen Japan
den Krieg nach dessen Angriff auf den US-Stützpunkt Pearl Harbour am Tag zuvor. Damit ist
für die Sowjetunion die Gefahr eines Angriffs Japans als Verbündeter Deutschlands gebannt.
So können nun zahlreiche sowjetische Truppen von den Grenzen im Osten der Sowjetunion
zur Verstärkung an die Front im Westen verlegt werden, um die in Schnee und Frost vor
Moskau festliegenden deutschen Truppen im Winterkrieg zurückzuschlagen.
Mit der amerikanischen Kriegserklärung an Japan ist das Deutsche Reich als Verbündeter
Japans verpflichtet, seinerseits zum Beistand Japans den Vereinigten Staaten von Amerika
den Krieg zu erklären; was tatsächlich am 11.Dezember 1941 geschieht. Während die deutsche
Wehrmacht mangelhaft ausgerüstet und unzureichend versorgt über eintausend Kilometer
von der Heimat entfernt in Schnee und extremem Frost erstarrt ist, eröffnet das Deutsche
Reich den Krieg gegen die weltweit größte Wirtschafts- und stärkste Militärmacht.
Schon im Ersten Weltkrieg trug der vom Deutschen Reich provozierte Kriegseintritt der
Vereinigten Staaten von Amerika entscheidend zum Sieg der Alliierten über Deutschland
bei.
Im folgenden „Totalen Krieg“ überdehnt der Diktator Hitler alle Kräfte des Deutschen
Reiches, seiner Wirtschaft und der Bevölkerung. Er weigert sich, die Erschöpfung des
Deutschen Reiches zu erkennen, die schon im Ersten Weltkrieg die deutsche Niederlage
heraufbeschwor.
Während im Ersten Weltkrieg die militärischen Schlachten außerhalb der Grenzen des
Deutschen Reiches geschlagen wurden, trägt nun der moderne Krieg mit dem Luftkrieg und
der erdrückenden militärischen Überlegenheit der Alliierten seine Zerstörungen in die
deutschen Städte und Dörfer, trifft nicht nur militärische Ziele, sondern ebenso gezielt oder
auch wahllos Zivilisten, Frauen, Kinder, alte Menschen.
Der entfesselte Krieg verroht Politik und Militär auf allen Seiten, kennt nur Vernichtung,
Vergeltung, Hass und Endsieg.
Im Mai 1945, zwölf Jahre nach der „Machtübernahme“ der NSDAP in Deutschland bricht das
„1000-jährige Reich“ Hitlers in der unvorstellbaren Katastrophe des Zweiten Weltkrieges mit
der bedingungslosen Kapitulation zusammen. Viele Menschen sehen ihre feste Erwartung
auf eine bessere Zukunft enttäuscht und sich selbst getäuscht. Die meisten stehen nach dem
Krieg vor dem wirtschaftlichen Nichts, wieder Geldentwertung, wieder Arbeitslosigkeit und
Währungsreform, dazu Besetzung durch die Siegermächte, Entnazifizierung,
„Umerziehung“ und ein geteiltes Vaterland. Und wieder geht es an den Aufbau aus den
Zerstörungen und Verlusten: Im Jahre 1949 wird die Bundesrepublik Deutschland gegründet.