Die Menschen hier im Dritten Reich
... versammeln sie sich unter der „Schwarzen Fahne“ der Landvolk-Bewegung.
Noch dazu scheinen die schnell wechselnden Regierungen der Weimarer Republik keinen
Weg zu finden, der das Deutsche Reich aus der Jahre langen politischen und wirtschaftlichen
Krise herausführen könnte. Diese Ohnmacht überlässt den radikalen politischen
Strömungen zunehmend den Einfluss auf die Meinungs- und Willensbildung in der
deutschen Bevölkerung.
Die Lage der Landwirtschaft im Deutschen Reich bleibt auch zu Beginn der 1930er Jahre
schlecht. Die Krise wird durch die witterungsbedingt enttäuschende Getreideernte 1930/31
sogar noch weiter verschärft.
Den mit ihren Protesten nach Hilfe in ihrer Notlage so laut wie vergebens rufenden Bauern
bietet die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei NSDAP im Frühjahr 1930 mit ihrer
„Parteiamtlichen Kundgebung über die Stellung der NSDAP zum Landvolk und zur
Landwirtschaft“ eine willkommene Orientierung: Scheinbar stellt sich endlich eine
politische Partei an die Seite der Bauern.
Ohne weiter darauf einzugehen, wie eine Umsetzung aussehen könnte, verspricht die
NSDAP den Bauern eine Lösung ihrer Probleme und Erfüllung ihrer Forderungen:
Steuererleichterungen, Verringerung der Zinsen, günstige Betriebskredite, Schutzzölle,
Hebung des bäuerlichen Standesansehens, bessere Preise für die landwirtschaftlichen
Erzeugnisse und geringere Preise für Industrieprodukte. Die NSDAP „garantiert“ den
Grundbesitz der Bauern und verspricht, sie gegen bedrohliche Schuldenlasten und
Zersplitterung ihrer Höfe zu schützen.
Schon bald stellen die Vertreter der NSDAP unermüdlich auf unzähligen Bauern-
versammlungen, Diskussionsabenden, in Gaststuben und auf Sälen, in Dörfern, Flecken und
Städten und dazu in der Presse ein helles, zuversichtliches, verlockendendes Bild von dem
Verhältnis des Nationalsozialismus zur Landwirtschaft dar.
Geschickt verstehen es die Parteiredner, die Abneigung der Menschen auf dem Lande gegen
das „Weimarer System“, gegen die „roten Preußen“, für sich auszunutzen und schimpfen in
ihren Tiraden öffentlich vor großem Publikum leidenschaftlich über das
„Handelsjudentum“, das „Großkapital“ und die unerträgliche „Zinsknechtschaft“ – was die
Bauern sonst nur aus ihren vertraulichen Stammtischrunden kennen. Es tut ihnen gut zu
hören, dass die Bauern im Staat der Nationalsozialisten wieder die ihnen zustehende
Stellung in der Gesellschaft und einen gerechten Lohn für ihre Arbeit erhalten werden. Das
Zutrauen wächst, dass es der aufstrebenden NSDAP tatsächlich gelingen könnte, nicht nur
die drückende Krise zu beenden, sondern auch eine wieder lebenswerte Zukunft zu schaffen.
Der Erfolg: Wie keine andere Partei erobert die NSDAP ab 1929 mit ihren Verheißungen und
durch gezielte Unterwanderung in wenigen Monaten die Wähler in den ländlichen Gebieten
des Deutschen Reiches. Auch in unserer Gegend ist das nicht anders: Bei der Reichstagswahl
1928 wählte in Schwalingen von den 146 abgegebenen Stimen niemand die NSDAP. Zwei
Jahre später wählten schon 44 Wahlberechtigte in Schwalingen die NSDAP, 26% der
abgebenen Stimmen. Als 1933 der letzte Reichstag durch offene Wahlen gebildet wurde,
stimmten 171 Wähler in Schwalingen für die NSDAP, 89% der abgegebenen Stimmen. In den
benachbarten Dörfern lag der Wahlerfolg der NSDAP sogar über 90%.
Unsere Bauern im Dritten Reich
Der politische Wandel im Deutschen Reich geht in die vom Volk mehrheitlich gewünschte
Richtung, als der Vorsitzende der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, Adolf
Hitler, im Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wird. Zwar erreicht seine NSDAP bei den
Reichstagswahlen im folgenden März 1933 mit 44% aller Stimmen nicht die absolute
Mehrheit. Mit Skrupellosigkeit und Gewalt gelingt es der NSDAP dennoch binnen Kurzem,
eine „Mehrheit“ im Deutschen Reichstag zu bilden, die bereits Ende März 1933 mit dem
„Ermächtigungsgesetz“ die Demokratie im Deutschen Reich abschafft: Zukünftig kann der
Reichskanzler und „Führer“ Adolf Hitler Gesetze ohne Beteiligung des Reichstages
rechtskräftig eigenmächtig beschließen.
„Blut und Boden“
„Im Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns steht das Blut, das heißt die lebensgesetzliche
Erhaltung unseres Volkes. Die einzige wirkliche Blutquelle ist das Bauerntum! Der Bauer setzt dem
städtischen Ein- und Kein-Kinderbrauch den Reichtum einer kinderreichen Ehe entgegen....“, erklärt
Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft R. Walter Darré 1933. Er ist zugleich auch
Reichsbauernführer.
Den Bauern soll nach der NS-Ideologie nicht allein wieder zum berechtigten Ansehen ihres
Standes verholfen werden. Die Gründung des NS-Reichsnährstandes, der Erlass des
Reicherbhofgesetzes auf der Grundlage des Hannoverschen Anerbenrechts zum
Existenzschutz der Höfe und die Einführung einer Markt- und Preisregulierung für
landwirtschaftliche Erzeugnisse schaffen auch Grundlagen für eine dauerhafte
wirtschaftliche Blüte der Höfe und ihrer Wirtsfamilien.
Für die Bauern und ihre Landwirtschaft geht es schon bald aufwärts: Ihre Interessen nimmt
nun die nationalsozialistisch ausgerichtete Einheitsorganisation des „Reichsnährstandes“
wahr, dem sie durch Zwangsmitgliedschaft angehören. Auskömmliche Preise für ihre
Erzeugnisse werden staatlich festgelegt, der Absatz garantiert. Es ist fast wie früher im
Kaiserreich. Dass es nun den Ortsbauernführer gibt, der gemeinsam mit dem Ortsgruppen-
leiter der NSDAP den Bauern in „Erzeugungsschlachten“ ihre Produktionsziele vorschreibt
und deren Einhaltung überwacht, ändert an der allgemeinen Zufriedenheit nicht viel.
Während die Landesbauernführer des Reichsnährstandes hauptamtlich tätig sind, üben die
Kreis- und Ortsbauernführer ihre Aufgabe ehrenamtlich aus, gegen Erstattung ihrer
Auslagen. Auf ihrer jeweiligen Führerebene vertreten sie die Interessen des
Reichsnährstandes und sind für die Durchsetzung der agrarpolitischen Ziele und Pläne des
NS-Staates verantwortlich.
Entsprechend sind die Ortsbauernführer und ihre Vorgesetzten, die Kreisbauernführer mit
ihren nachgeordneten Fach-Obmännern, mit weitreichenden Machtbefugnissen
ausgestattet. Sie kontrollieren die Produktion der Bauern in ihrem Machtbereich auf
Einhaltung der auferlegten Planziele, melden festgestellten „Missstände“ an vorgesetzte
Stellen und sorgen für Verbesserungen, bis hin zur Abmeierung unfähiger oder unwilliger
Bauern. Im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie sind nämlich die Höfe der Bauern
Volkseigentum und ihnen unter Auflagen nur zur Bewirtschaftung überlassen. Diese
Ansicht berechtigt eben auch, ihnen ihren Hof bei Fehlverhalten zu nehmen.
„Erzeugungsschlachten“
1934, das Jahr nach der Machtergreifung der NSDAP im Deutschen Reich, bringt eine
schlechte Ernte. Um dennoch die politisch angestrebte Steigerung der Selbstversorgung
Deutschlands voranzubringen, wächst der Erwartungsdruck auf die Bauern. Auf dem
Reichsbauerntag wird die „Erzeugungsschlacht“ der deutschen Landwirtschaft ausgerufen.
Appelle an ihr Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Volksgemeinschaft erreichen die
Bauern: Sie sollen ihre Erzeugungsleistung nach Kräften steigern. Eine politische
Propagandawelle strömt auch in die Dörfer und Höfe unserer Gegend. Der Reichsnährstand
erlässt die „10 Gebote zur Erzeugungsschlacht“ an die deutschen Bauern:
„1. Nutze Deinen Boden intensiv: Das raumarme Deutschland kann sich Extensität nicht leisten.
2. Dünge mehr und dünge richtig! Wo mehr wachsen soll, werden auch mehr Stoffe verbraucht.
3. Verwende stets einwandfreie Saat.
4. Wirtschafte vielseitig und vermeide die Einseitigkeit im Anbau; denn Vielseitigkeit ist Sicherheit, Einseitigkeit aber
Unsicherheit im Ertrag für Dich und das deutsche Volk.
5. Wirtschafte vielseitig, vermeide aber die Vergrößerung der Anbaufläche der Früchte, die das deutsche Volk nicht
braucht und die Deinem Betrieb unsichere Ernten geben.
6. Baue Grünfutter als Zwischenfrucht, so sparst Du Kraftfutter und das Volk Devisen.
7. Halte nur so viel Vieh, wie Du mit wirtschaftseigenem Grünfutter ernähren kannst.
9. Halte Leistungstiere und nicht leistungsunfähige Fresser.
10. Halte Schafe! Auch Du läßt wirtschaftseigenes Futter auf Feldrainen, Wegen und auf den Stoppeln für Dich und
Deutschland verkommen. Erzeuge mehr aus Deinem Boden, verwerte das Erzeugte sparsam und richtig durch
Dein Vieh - dann, deutscher Bauer, dienst Du Deinem Volk und Deiner Zukunft. Wieder geht es um Sein und
Nichtsein Deines Volkes und damit auch um Dich. Darum zögere nicht: Handle!“