Schwalinger in der NSDAP
... wohl vor allem aus Mangel an überzeugenden Alternativen der zunehmend politisch
kraftlosen DHP weiterhin treu. 1928 stimmten bei den Reichstagswahlen von 146 Wählern
immerhin noch 87 für die DHP.
Doch die DHP erreicht mit ihrem Programm ihre Wähler nicht mehr, um sie an sich zu
binden. Stattdessen spricht nun die aufstrebende NSDAP auf dem Lande in ihren häufigen
Propaganda-Veranstaltungen gezielt Unzufriedende an, lockt mit Verheißungen. und
unhaltbaren Versprechungen. Das bleibt nicht unerhört: 1929 wird der erste gebürtige
Schwalinger Parteigenosse.
Bei den Reichstagswahlen 1930 geben die Schwalinger Wähler 168 gültige Stimmen ab. 78
davon wählten die DHP. Die NSDAP erhält 44 Stimmen, 26%. In diesem Jahr entscheiden sich
5 Schwalinger, Parteimitglied der NSADP zu werden.
Aufstieg und Stimmungswandel
Mit dem Aufbau der NSDAP-Ortsgruppen in Tewel und Neuenkirchen, der Einrichtung des
NSDAP-Stützpunktes Schwalingen 1930 rückt die Parteiorganisation nun in die unmittelbare
Nähe der Menschen in den Dörfern. Durch die gleichzeitig erstarkende Sturmabteilung SA in
Tewel, die auch Zulauf aus den umliegenden Dörfern hat, wird die "Bewegung" für
jedermann sichtbar. Zu dieser "Sichtbarkeit" tragen besonders auch die beeindruckenden SA-
Reiter und marschierenden Spielmannszüge bei, denen lange Kolonnen Begeisterter bei
ihren Propaganda-Märschen folgen.
In den Jahren 1931 und 1932 entscheiden sich insgesamt 15 Schwalinger, Mitglied der NSDAP
zu werden. Ende 1932 gibt es 21 Parteigenossen im Dorf.
Bei den erneuten Reichstagswahlen im November 1932 die NSDAP in Schwalingen von 183
gültigen Stimmen 149 oder 79% auf sich ziehen kann. Auf die DHP entfallen nur noch 13
Stimmen. Nun entsteht offenbar Sorge bei den Einwohnern: Sie sehen die ihnen wichtige
Unabhängigkeit und Selbstbestimmung im Dorf gefährdet, in den Sog der um sich
greifenden nationalsozialistischen Bewegung zu geraten. Es wird nach einem Ausweg
gesucht, nach einer Lösung für ihre Dorfgemeinschaft.
Rechtzeitig vor den Wahlen zum Reichstag und zum Kreistag 1933 verkündet die Gemeinde
Schwalingen öffentlich:
„Schwalingen, 3.März 1933.
Um einer Zersplitterung vorzubeugen und um Parteipolitik aus den Angelegenheiten der Gemeinde
fernzuhalten, war vor 14 Tagen in gemeinsamer Beratung eine Einheitsliste aufgestellt worden auf
paritätischer Grundlage mit folgenden Namen: Wilhelm Gebers, August Lüdemann (Bauern), Otto
Steinke, Friedrich Gebers (Neubauer), Fritz Bruns, Willy Grefe, Wilhelm Gebers, Hermann Söhnholz,
Friedrich Böhling (Anbauer). Zwei weitere Wahlvorschläge wurden vom Prüfungsausschuss als zu
spät eingereicht verworfen.
Somit hat der erste Wahlvorschlag allein Gültigkeit, so daß der Gemeinde eine Wahl erspart bleibt.
Der neue Gemeindeausschuss muss nunmehr den Gemeindevorsteher wählen.“
Einheitsliste:
Bauern:
Wilhelm Gebers :
Wilhelm August Gebers (1882-1963), Halbhof "Hinz"
August Lüdemann:
Friedrich August Lüdemann (1869-1962), Halbhof "Fintelmann"
Neubauer:
Otto Steinke:
Heinrich Christoph Otto Steinke (1881-1978), Neubauer "Harm-Steinke"
Friedrich Gebers:
Wilhelm Friedrich Gebers (1908- ), Neubauer "Lüten", Siek
Anbauer:
Fritz Bruns:
Friedrich Wilhelm Bruns (1892-1975), Anbauer "Hoops" (PG seit 1930)
Willy Grefe:
Wilhelm Friedrich Grefe (1900-1963, Anbauer "Itz'n"
Wilhelm Gebers:
Georg Wilhelm Gebers (1878-1969), Anbauer "Gebershus"
Hermann Söhnholz:
Hermann Heinrich Friedrich Söhnholz (1871-1949), Anbauer "School"
Friedrich Böhling:
Johann Friedrich Böhling (1870-1941), Anbauer (früher Halbhof) "Eggers"
Der Gemeindeausschuss wählt Wilhelm Otto Gebers (1897-1971, Anbauer, früher Halbhof,
"Lümas) zum neuen Bürgermeister des Heidedorfes Schwalingen. Er ist zu der Zeit auch
Vorsitzender des "Gesellschaftsklubs" Schwalingen. Otto Gebers bleibt für die nächsten fast
40 Jahre in diesem Amt bestätigt.
Im Januar 1933 ernennt Reichspräsident Hindenburg auf Empfehlung der zersplitterten
konservativen Parteien im Reichstag den Führer der NSDAP, Adolf Hitler, zum
Reichskanzler. Sie hoffen, mit der NSDAP zusammen eine Mehrheitsregierung aufstellen zu
können.
Bei den letzten freien Reichstagswahlen im März 1933 geben von 192 Schwalinger Wählern
der NSDAP 171 ihre Stimme. Die DHP erhält 7 Stimmen. Ein ähnliches Bild des
Stimmungswandels im Dorf spiegelt die Wahl zum Kreistag Soltau im März 1933: 106 von 189
Wählern stimmen in Schwalingen für die NSDAP, die DHP erhält 1 Stimme.
Diktatur statt Demakratie
Am 23. März 1933 ist der Reichstag in Berlin umstellt von uniformierten Männern der SA
und der SS, den paramilitärischen Organisationen der NSDAP. Im Parlament steht auf
Vorschlag der NSDAP ein neues Gesetz zur Abstimmung: "Das Ermächtigungsgesetz". Es
ermöglicht Reichskanzler Adolf Hitler ohne Zustimmungspflicht des Reichspräsidenten, des
Reichsrates und des Parlamentes Gesetze zu erlassen. Unter massiven Druck und offener
Einschüchterung durch die NSDAP nimmt das Parlament dieses Gesetz an. Es ist die
Grundlage der NS-Diktatur bis 1945.
Der Machtergreifung der NSDAP über das Deutsche Reich im März 1933 löst einen breiten
Stimmungswechsel in der deutschen Bevölkerung aus. Man fühlt sich offenbar von der
ungeliebten Demokratie erlöst und hofft auf die von der NSDAP versprochene bessere
Zukunft, nach Inflation, Wirtschaftskrise und politischen Machtkämpfen.
Torschlusspanik und Aufnahmesperre
Als ob ein Stau geöffnet würde, strömen zwischen März und Mai 1933 hunderttausende neue
Mitglieder in die NSDAP. Viele versprachen sich durch ihre Parteizugehörigkeit zukünftig
Vorteile in Beruf , Karriere und Gesellschaft. Für andere, die schon länger mit der NS-
Ideologie sympathisiert, aber sich noch nicht zu einem Parteieintritt durchringen konnten,
haben nun den Mut zu diesem Schritt.
Im Februar 1933 verzeichnet die NSDAP im Deutschen Reich 31 Tsd. neue Mitglieder, im März
79 Tsd. Dann wird die Partei von Aufnahmeanträgen überspült: Zum 1.Mai 1933 treten 1.6
Millionen Menschen in die Partei ein. Es war vielleicht unter den Beitrittswilligen eine Art
"Torschlusspanik" ausgebrochen.
Auch Schwalinger Einwohner werden von dieser Euphorie ergriffen. Bis zum 1.Mai 1933, dem
Tag des Beginns der Aufnahmesperre, erklären 9 weitere Personen ihren Eintritt in die
NSDAP. In Schwalingen leben nun 30 Parteigenossen.
Noch im April 1933 wird eine Aufnahmesperre in die Partei ab 1.Mai 1933 verfügt. Sie wird
erst 1937 wieder aufgehoben werden. Die Parteiführung befürchtete durch die hohen
Mitgliederzahlen eine "Verwässerung" der Partei. Nicht Bildung, Beruf, Stand oder Besitz
zählten und werden als hinderlich eingestuft, sie führt zum Verlust der "Kampfkraft". Was
zählt sind Mut, Tapferkeit, unerschütterlicher Glaube, Opferbereitschaft, Heroismus und
Fanatismus. Eigenschaft, die nur bei einer Minderheit vorhanden gesehen werden, die
nichts zu verlieren hat. Es besteht nun die Gefahr, dass das "große Wandern" einsetzen
würde, dass Personen ohne Opfer zu erbringen, die Früchte des Kampfes miternten wollten.
Man fürchtet, durch "Konjunkturritter" und "opportunistischer Bagage" die Partei zu
verbürgerlichen. Man will während der langjährigen Aufnahmesperre die Mitgliedschaft
der Partei von unerwünschten Personen säubern, um einer möglichen "Verfettung"
vorzubeugen.
Die Mitgliedschaft ist ausschließlich freiwillig
Zum 1.Mai 1937 wird die Aufnahmesperre der NSDAP unter Bedingungen wieder
aufgehoben. Der Eintritt in die Partei wird nun ausschließlich Willigen ermöglicht, die seit
der Machtübernahme 1933 in den Gliederungen der Partei oder angeschlossenen Verbänden
als Nationalsozialisten tätig waren. Als Ziel wird das Verhältnis 1:10 zwischen der Anzahl der
Parteimitgliedern und der Zahl deutscher Bürger festgelegt.
Im Zusammenhang mit der Aufhebung der Aufnahmesperre verfügt die Parteiführung der
NSDAP im Jahr 1937 den Grundsatz der Freiwilligkeit der Mitgliedschaft in der Partei: "Ein
Zwang oder Druck, der Partei beizutreten, darf unter keinen Umständen ausgeübt werden, der
Grundsatz der Freiwilligkeit als eines der wertvollsten und wesentlichsten Merkmale der
Bewegung muss vielmehr voll aufrecht erhalten werden!" Die Aufnahme muss mit einem
formellen Aufnahmeantrag und eigenhändiger Unterschrift in der Parteiorganisation
beantragt werden.
In den folgenden 2 Jahren wächst die Zahl der Parteimitglieder des NSDAP im Deutschen
Reich auf über 5 Millionen an. In Schwalingen wächst die Gruppe der NSDAP-
Parteimitglieder um 14 Personen auf nun 44.
Nach eine kurzen vollständigen Aufhebung der Aufnahmesperre im Jahr 1936 wird die
Aufnahme in die Partei dann endgültig ab Anfang 1942 gesperrt, wovon nur Mitglieder der
HJ und BDM bis Jahrgang 1927 ausgenommen waren. Bei Kriegsende sind etwa 10,7
Millionen Personen in der Organisation der NSDAP als Mitglieder registriert, etwa 13 % der
deutschen Bevölkerung. Zwischen 1939 und Kriegsende 1945 treten weitere 4 in Schwalingen
geborene Personen in die NSDAP als Parteimitglied ein.
Der letzte bekannte Parteieintritt findet zum 20.4.1944 statt, die bisher einzige bekannte
Parteigenossin in Schwalingen. Das Dorf hat bei Kriegsende eine NSDAP-Mitgliederstärke
von mindestens 48 Personen, etwa 13% der Einwohner.