Schwalingen im Dritten Reich
... sich noch lebende Zeitzeugen, die das Geschehen damals als Kinder oder Jugendliche
selbst beobachteten.
Wilhelm Röhrs (1940-2025), Halbhöfner „Tieten“ in Schwalingen, erzählt aus dieser Zeit:
„Die Engländer waren im Anrücken. Meine Großmutter stand gebeugt vor dem Ofen in der
Küche. In die offene Feuerluke stopfte sie hastig Papier hinein und ließ es verbrennen. Ein
ganzer Haufen verschiedener Papiere lag neben ihr in einem Durcheinander auf dem
Küchenboden. Sie hat mich dann bemerkt und wohl auch mein Staunen im Gesicht. „Dat
brukt keen Minsch mehr“, sagte sie und wendete sich wieder ihrer Arbeit zu. Ich wusste
damals nicht, was sie da verbrandte. Heute ist mir klar: Es war unser ganzes Hof- und
Familienarchiv. Nichts ist davon nachgeblieben.“
Eine Ausnahme zeigt sich bei Gertrud H., Jahrgang 1941. Neben die Fotos auf dem
Wohnzimmertisch legt sie ein seltenes Dokument: Einen Mitgliedsausweis der
Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschland NSDAP. „Der Ausweis gehört meinem
Schwiegervater. Ich hab‘ ihn in seinem Nachlass gefunden. Da ist doch nichts zu verbergen.
Jeder musste in der Zeit doch sehen, wie er zurechtkommt. Er war Berufsmusiker und ohne
in der Partei zu sein, hätte er wohl Schwiergkeiten bei öffentlichen Auftritten bekommen.“
Gänzlich unauffindbar sind auch die Akten und Dokumente des langjährigen Schwalinger
Gemeindevorstehers und Ortsbauernführers Otto Gebers (1897-1971). Hartnäckig hält sich ein
Gerücht im Dorf über den Verbleib der Dokumente: In den letzten Tagen des Zweiten
Weltkrieges wäre ein „gewaltiges“ Feuer vor dem Wohnhaus seines Hofes beoachtet worden,
dem seine Ehefrau Minna Gebers große Mengen Papier zuführte.
Aber es sind nicht allein die Dokumente, die fehlen, um einen historisch interessierten
Einblick in das Leben im Dorf in der Zeit des Dritten Reiches zu erhalten. Auch die
Menschen, die damals im Dorf lebten und das Geschehen der NS-Politik selbst erlebten,
haben ihr Wissen, ihre Erfahrung nicht an ihre Kinder weitergegeben. Das Thema sei tabu
gewesen am häuslichen Tisch, wird immer wieder erzählt. So war es wohl überall auf den
Höfen im Dorf. Den unbeantworteten Fragen, dem Schweigen folgte verblassendes Interesse.
Und irgendwann war niemand mehr da, der aus eigener Erfahrung hätte erzählen können.
Die Menschen wollten sich wohl auch nicht an das gerade in einem dramatischen Ende
Vergangene erinnern oder gar darüber sprechen. Es hatte das eigene Leben, die Familie, das
enge soziale Gefüge im Dorf über viele Jahre tief geformt und geprägt, so oder so. Jeder
einzelne war nun vor einen ungewissen Neuanfang gestellt. Bei dessen Bewältigung
konnten die enttäuschten Hoffnungen, die erlittenen Opfer und Verluste der vergangenen
Zeit nur noch eine empfindliche Warnung, aber nicht hilfreich sein.
In dieser vielleicht inneren und äußeren „Verlorenheit“ blieb nur noch der Rückzug auf die
Grundlagen des eigenen Seins, wie es schon immer war: die Familie und der Hof. Richard
Steikne (1920-2018) sagt es so und meint damit wohl auch sich selbst: “Die Leute wollten damit
nicht mehr zu tun haben, mit dem Kram. Es half doch nichts. Also den Kopf runter auf die
Arbeit. Es musste weitergehen.“
Diese Tabuisierung, dieses Verdrängen kann aus den Umständen der Nachkriegszeit
verstanden werden, unter denen die Menschen im Dorf zu leben hatten. Das Trauma des
verlorenen Krieges, der vielen Opfer, traf jeden und jede. Besatzung durch die Siegermächte,
die bis in den Alltag hinein regelten. Die kollektive Schuldzuweisung an das gesamte
deutsche Volk für die furchtbaren Folgen der NS-Politik traf jeden Einzelnen persönlich, ob
gerechtfertigt oder nicht. Verunsicherung durch die strafbewehrte Entnazifizierung.
„Umerziehung“ in ein gesellschaftlich-politisches System, das gänzlich fremd war. Niemand
hatte jemals eine funktionierende Demokratie selbst erfahren, die nun auf Befehl der
Besatzer angeordnet war.
Dennoch, auch die Zeit des Dritten Reiches ist ein Teil der Geschichte des Heidedorfes
Schwalingen. Schauen wir, welches Bild sich aus den verlässlichen Informationen formt, die
über viele Jahre gesucht und gesammelten wurden. Vielleicht stellt sich damit Erleichterung
ein, dass dieser bisher ungehagliche „blinde“ Fleck in der Dorf-Chronik nun mit Nachrichten
gefüllt ist.